Quelle: heise.de newsticker Forum, Autor: multics
Vorweg: Ich bin weder Psychologe noch Soziologe. Also
alles hier IMO (in my opinion, eigene Meinung).
Ich denke, es ist kaum möglich ein genaues Täterprofil zu erstellen
bei den Amokläufern (was ist eigentlich mit all der Gewalt
die nicht zum Tode/Amoklauf führt? Woher soll die eigentlich
kommen? Aber das nur nebenbei). Aber eine gewisse
oberflächliche(?) Gemeinsamkeit zwischen den Tätern wird es
schon geben.
Und diese Gemeinsamkeit ist -was ich so raushöre aus den
Medien- dass die Amokläufer alle ein starkes Gefühl von
Benachteiligung in sich trugen. Ob nun berechtigt oder nicht spielt
jetzt erstmal keine Rolle. Sie waren alle auch Einzelgänger (auch das macht
sie natürlich nicht zu Kriminellen). Und: Sie waren vermutlich
alle nichts Besonderes und hatten das Bedürfnis auch mal im
Mittelpunkt zu stehen. So wie der Klassenprimus oder der absolute
Babe-Magnet. Das familiäre Umfeld spielt bestimmt eine
sehr große Rolle. Aber hier ergibt sich kein klares Bild für mich.
Ich vermute aber dass die Eltern es versäumt haben ihren
Kindern Selbstwertgefühl zu vermitteln.
Zudem kommen evtl. noch Kindheitstrauma hinzu die zu einer
bestimmten "Schlagseite" der Persönlichkeitsstruktur führen
(können).
Menschen tendieren dazu Dinge ungerecht zu finden,
die nicht wirklich ungerecht sind. Wahrnehmungen sind immer
ich-bezogen (ego-centered) und nicht objektiv. Einfaches
Beispiel: Wenn ich in einer Warteschlange stehe, dann denke ich
fast immer, dass es in ausgerechnet meiner Warteschlange
langsam voran geht.
Es gibt Menschen deren Persönlichkeitsstruktur aus Gründen
über die ich nur spekulieren kann (s.o.) sehr extrem ich-
bezogen ist (einhergehend mit mangelndem Selbstwertgefühl).
Die Wahrnehmung ist stark gestört. Ein "Alle sind gegen mich"
(was wohl jeder mal kurzzeitig in der Schulzeit
gedacht/gefühlt hat) wird zu einem "Alle hassen mich" bzw.
zu einem "Das ganze System (Schule/Gesellschaft) ist
gegen mich". Für den Amoklauf reicht das natürlich
noch nicht. Dazu muss es noch einen Schritt weiter gehen. Dieser
Schritt ist "Ich muss mich wehren, denn bin ein Opfer".
Perverserweise folgt die Politik in gewisser Weise dieser
kranken Logik, dadurch das sog "Killerspiele" für schuldig
erklärt werden und nicht die Täter.
Zu diesem Zeitpunkt ist der weitere Verlauf der Dinge quasi
vorprogrammiert. Alles was passiert sieht der zukünftige
Amokschütze jetzt aus der selbst gestrickten Opfer-Perspektive.
"Mist. der Klassenprimus hat mal wieder eine 1. Warum ich nicht?
Das ist ungerecht!". "Ich bin auch mal dran". "Bald.. das
werdet ihr sehen.. ist meine zeit gekommen". Frust häuft
sich an. Eigentlich harmlose Äusserungen werden als Drohung
empfunden. Beispiel: Klassenkamerad Roland fragt: "Warum kommst
du nicht mit auf die Grillparty? Tina und Andrea kommen auch." wird
wahrgenommen als Aufforderung sich anschauen zu müssen wie Roland
mit unbändigem Charme versucht bei den Mädels zu scoren... und es
wohlmöglich schafft. Dies führt zu einer immer stärkeren
Isolierung. Denn die reale Welt wird als Bedrohung wahrgenommen.
Das Bequemste ist also aus eben dieser zu fliehen.
Und nun mein Punkt: Jemand der so denkt und fühlt für den
sind "Killer"spiele (aber auch viele andere Spiele, die nicht
unbedingt Gewaltszenen enthalten) die beste Ablenkung von
der bedrohlich gewordenen realen Welt. Im Spiel habe ich die
Kontrolle, keiner quatscht dazwischen. Zwischenmenschliche
Interaktion, die ja oftmals sehr viel Feingefühl (auch non-
verbaler Art) braucht, ist nicht gefordert. Wichtig ist, dass
das am Boden liegende Selbstwertgefühl ein wenig aufgebaut
werden kann. Das ist jetzt wichtig: Unsere Politiker glauben,
dass Killerspiele durch eine so realistische Darstellung
einen Menschen "scharf" machen. Ähnlich wie bei bestimmten
Hunderassen mit entsprechendem Training (was übrigens auch
nicht stimmt. Fast alle Hunde(rassen) kann man scharf machen).
Ich aber glaube, dass der zukünftige Amokläufer (ZA) sehr
wohl weiß, dass er ein Spiel spielt.
Er spielt es aus Flucht vor der realen Welt und nicht zur Flucht
in eine virtuelle!
Das Spiel ist (wenn überhaupt) Symptom und nicht Ursache.
Menschen sind keine Hunde.
Die Flucht aus der realen Welt gelingt deshalb, weil der ZA
nur hier das Gefühl bekommt Sieger zu sein. Aber wir alle
wissen, dass man in der realen Welt >eben nicht< immer Sieger
ist. Ich denke das und nur das ist die "Gefahr" von sog.
"Killer"spielen. Genau die Erfahrungen, die uns "Normalos" (sag
ich jetzt mal so) die Möglichkeit geben, in der realen Welt
klarzukommen fehlen bzw. werden verdrängt. Der ZA hat vielleicht
im Sport nur den vorletzten Platz gemacht. Diese schmerzhafte
Erfahrungen gibt es in der Computerspielwelt nicht.
Um es noch mal klar zu sagen: Die Erfahrungen, die man als
soziales Wesen in einer Gruppe braucht, hätte
der ZA lange vorher machen müssen. Zumindest bevor
er sich isolierte. Danach hilft nur noch eine Therapie.
Das "Killer"spiel ist nur eine flucht aus vielen nicht
gemeisterten Lebenssituationen. Eltern oder/und vielleicht
auch Lehrer sind hier gefordert. Aber mit Sicherheit nicht
die Spieleindustrie.
Mit einem Augenzwinkern: Wir alle mögen die sog.
Killerspiele, weil es eben genau so ist: Immer der
Sieger sein, der man im richtigen Leben leider nicht immer ist.
Aber deshalb sind wir nicht automatisch zukünftige Amokläufer.





